Dienstag, 8. September 2009

Anreise WC2009: Kleine Bahngeschichten

Auf der Bahnfahrt war viel Zeit zum Schreiben - Fotos folgen noch!

16:32:
Auch wenn es nicht ins wirkliche Ausland geht, so wollte ich doch von meiner aktuellen Konferenzreise nach München zum World Congress for Medical Physics and Biomedical Engineering 2009 berichten - zumal für ein Nordlicht wie mich München ja auch schon eigentlich kaum mehr zu Deutschland zählt und sich Sitten und Gebräuche hinreichend unterscheiden.

Aktuell beginne ich zu glaube, dass Reisen während meiner Zeit im OFFIS unter keinem guten Stern stehen. Die beiden Flüge nach Brüssel waren bereits chaotisch und auch diese Reise beginnt mit Zicken, wenn auch (noch) mit keinen wirklichen Problemen:
Heute Vormittag habe ich sicherheitshalber im Hotel in München angerufen, nachdem im Internet bei verschiedensten Hotelbewertungen des Hotels, in dem OFFIS für mich ein Zimmer reserviert hat, gestanden hat, dass trotz einer Reservierung kein Zimmer mehr frei war. Ich würde relativ genervt am Telefon begrüßt, habe mich kurz vorgestellt und dann mein Anliegen geschildert, dass ich kurz meine Anreise heute bestätigen wollte und nachfragen, ob so weit alles ok ist. Ohne eine weitere Nachfrage nach meinem Namen oder dem geringsten Zógern wurde mir umgehend in der gleich genervten Tonart zugesichert, dass alles ok ist. Ich bin mir nicht sicher, ob die Person am Telefon so schnell meinen Namen merken und im System nachsehen konnte und bin daher gespannt, ob heute Abend wirklich alles glatt geht mit dem Zimmer.

Mein erster Zug von Oldenburg nach Hannover kam zumindest pünktlich und hat mich ebenfalls pünktlich in Hannover wieder rausgelassen, so dass ich passend meinen Anschluss nach München erreichen konnte. In diesem ersten Zug saßen auf den Plätzen vor mir ein schwarzhaariger Mann und eine Frau mit langen, dunkelblonden Haaren. Nach Bremen stieg eine weitere Frau Anfang der 50iger dazu und sprach die beiden Personen vor mir an - an sich war ich am Lesen und rech gefesselt von meiner Lektüre, doch das Gespräch lenkte mich zunehmend ab. Die zugestiegene Frau hatte eine Reservierung für den Fensterplatz, auf dem der Mann mit den schwarzen Haaren saß. Es stellte sich heraus, dass der zwar kein Deutsch sprach, aber in Englisch mitteilte, dass er eine Reservierung für den Platz am Gang hätte, auf dem die Frau mit den langen Haaren saß. Die Frau mit den langen Haaren meinte, dass sie gedacht hätte, dass der Platz am Gang frei sei, da die Reservierung für den Platz am Gang bereits erloschen war. So weit war das ganze für mich auch nachvollziehbar. Allerdings hätte ich nun gedacht, dass die Frau mit den langen Haaren den Platz räumt und sich die neu dazu gestiegene Frau auf ihren Platz setzt - oder mit dem Mann am Fenster tauscht. DIe Frau mit den langen Haaren war dagegen nicht bereit den Platz frei zu machen, sondern vertrat die Meinung, dass der Mann dadurch, dass er am Fenster Platz genommen hatte, seine eigentliche Reservierung am Gang nicht wahrgenommen hätte, da man das bis 15 Minuten nach Fahrtbeginn gemacht haben muss, sonst würde die Reservierung in dem Moment verfallen, in dem die Anzeige erlischt. Von daher würde sie ja mit Recht auf dem Platz sitzen, denn er hätte die Reservierung nicht wahrgenommen und sie hätte sich auf einen nicht reservierten Platz gesetzt. Das hätte ihr ein Schaffner so erklärt. Die zugestiegene Frau suchte sich zunächst einen anderen Platz schräg hinter mir. In dem Moment, in dem sie sich abgewandt hatte, bemerkte die Frau mit den langen Haaren, sie könne auch aufstehen, während ihre gesamte Haltung und das Beharren auf dem Sitzplatz das Gegenteil behaupteten. Ich widmete mich wieder meinem Buch, wurde aber schnell erneut abgelenkt, als ich auf die Unterhaltung vor mir aufmerksam wurde, in der die Frau mit den langen Haaren dem Mann auf englisch erklärte, warum sie nun auf ihrem Platz blieb und was er genau falsch gemacht hatte. Sie schloss mit dem Satz "That are the german rules"! Ich überlegte einen Moment, ob sie wohl recht hatte damit, dass man seinen Platz wirklich 15 Minuten nach Fahrtbeginn einnehmen musste. Immerhin hatte man doch seine Reservierung bezahlt und das für die gesamte Fahrt. Und wenn man mal ungünstig einsteigt, es voll ist und man sich durch den Zug kämpfen muss, kann es ja gut mal sein, dass es einen Moment dauert, bis man an seinem Platz ist. Da ich es aber nicht sicher wusste, nahm ich mein Buch wieder zur Hand. Kurze Zeit später war der Schaffner ins Abteil getreten. Die Tatsache an sich hatte ich nicht bemerkt, doch die Gesprächsfetzen drangen immer mehr durch die Geschichte meines Buches, als sich die zugestiegene Frau von schräg hinter mir bei der Fahrkartenkontrolle beim Schaffner erkundigte, ob die Reservierung wirklich nach 15 Minuten erlischt. Der Schaffner erkundigte sich, woher sie diese Information hätte und die Frau zeigte ihm ihre Reservierung und wiederholte kurz das Gespräch mit der Frau mit den langen Haaren. Der Schaffern nahm die Reservierung und ging zu den Plätzen vor mir. Er fragte den Mann freundlich, ob er seine Reservierung sehen könne und überprüfte auch die Anzeige über den Sitzplätzen. Er stellte fest, dass der Mann den Platz am Gang und die zugestiegene Frau den Platz am Fenster reserviert hatte. Er fragte die Frau mit den langen Haaren nach ihrer Reservierung. Sie sagte, sie haben sich im guten Recht dort hingesetzt, weil die Reservierung erloschen war und wiederholte, dass der Mann sein Recht an der Reservierung verwirkt habe, obwohl er nur einen Platz daneben gesessen hatte. Der Schaffner sprach aus, was ich eben noch selber gedacht hatte, dass der Mann aber doch die gesamte Fahrt den Platz reserviert hatte und dass die Reservierung erlischt, falls die Person nicht erscheint, damit der Platz dann frei ist. Sollte die Person jedoch kommen, so hat sie natürlich den Platz reserviert. Die Frau mit den langen Haaren betonte ausdrücklich, dass sie diese Information von einem Schaffner hätte. Darauf rollte der Schaffner mit den Augen und meinte, dass er auch ein Schaffner sei. Die Frau rührte sich nicht, der Mann am Fenster verstand nichts und die Leute im Abteil begannen sich zu amüsieren. Schluss vom Lied war, dass sich die Frau mit den langen Haaren keinen Zentimeter rührte, und da der Schaffner sie schlecht an den Haaren vom Platz ziehen konnte, wandte er sich wieder an die zugestiegene Frau und verkündete, sie dürfe sich gerne einen Platz in der 1. Klasse aussuchen und es täte ihm leid. Nachdem der Schaffner fast schon aus dem Abteil gegangen war, wiederholte die Frau vor mir mit den langen Haaren noch mal, sie hätte ja auch aufstehen können. Da stellt man sich die Frage, warum sie es nicht auch gemacht hat. Hätte ich sie mal fragen sollen ...
Nachdem ich in Hannover den Zug gewechselt hatte und wir an sich planmäßig in Hannover losgefahren sind, erreichten wir Göttingen bereits mit 8 Minuten Verspätung und standen anschließend vor Kassel in einem Tunnel. Ich hatte eben mein Buch "Veronika beschließt zu sterben" abgeschlossen und war dabei ein bisschen über den Inhalt des Buches nachzudenken. Tunnel waren mir schon immer suspekt. Langsam zog der Geruch von heißen Bremsen durch den Zug und wurde zunehmend intensiver. Die Lautsprecher knackten und der Schaffner meldete sich, dass wir unplanmäßig im Tunnel halten müssen, er aber noch nicht wisse, warum und er uns Bescheid geben würde, sobald er etwas wisse. Hm, das macht einem schon ein mulmiges Gefühl, wenn man Tunnel eh nicht mag, es nach Bremsen riecht und sich irgendwie spontan die verschiedensten Tunnelunglücke in das aktive Gedächtnis drängen. Es vergingen einige Minuten und ich schaute aus dem Fenster in die Schwärze. Es vergingen weitere Minuten. Der Zug ruckte. Der Schaffner meldete sich wieder, und berichtete, dass in ein entgegenkommender Zug ein Gleis belegte, wo er nicht hätte stehen sollen und damit einen technischen Defekt ausgelöst hatte, so dass das Signal zum Weiterfahren im Tunnel nicht gegeben werden konnte. Unser ICE würde aber nun auf ein Ausweichgleich umgelenkt und es würde weiter gehen. Der Zug fuhr an und erreichte Kassel mit einer Viertelstunde Verspätung. Ich beschloss, mein Reisetagbuch zu beginnen und griff nach meinem Notebook. Ich bin gespannt, wann ich ankommen werde.

20:05
Ich bin im Hotel angekommen. Nachdem ich an Bettlern, Obdachlosen und andern eigenartigen Gestalten, verschiedensten türkischen, thailändischen, arabischen, chinesischen und sonstigen Imbissen, Beate Uhse, diversen Erotik-Shows und live Ich-weiß-nicht-was vorbei gegangen bin, erreichte ich das Hotel, bzw. lief beinahe daran vorbei. Im Internet war ein Foto vom Torbogen des Hotels, welches ich noch im Kopf hatte. Es zeigte ein hell erleuchtetes Neon-Schild mit den Namen des Hotels "Deutsches Theater". Das Hotel liegt direkt im Theater und hat damit einen ganz eigenen Stil. Leider war es nun nicht beleuchtet und von Bauzäunen umgeben, so dass es auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. Der Hof, der ebenfalls im Internet auf einem Foto war, beherbergte nun diverse Baufahrzeuge und verschiedene Haufen mit Baumaterialien. Der Mann an der Rezeption war jedoch sehr nett, gab mir zwei Schlüssel (einen für mein Zimmer im 5 Stock und einen für die Tür, damit ich auch nach 12 noch durch den Hintereingang rein komme) und wies mir den Weg zum Aufzug, der mich immerhin bis in den 4 Stock brachte, von dem ich in den 5. Stock die Treppe nahm. Das Zimmer ist klein, aber sauber und damit ok. Das Fenster zum Hof lies sich öffnen, aber nicht kippen und das Waschbecken hatte auch schon bessere Tage erlebt. Leider waren die Geschäfte, um ein Abendessen zu jagen, nun knapp geschlossen, so dass ich mich aufmachte, und meinen Anreisetag mit einem Menü bei dem Restaurante zur goldenen Möwe beschloss.

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